Herzdame

Die Tasse aus zartem Meissnerporzellan klimpert nervös hin und her, als ich versuche mich darauf zu konzentrieren, auf dem Weg von der Küche ins Wohnzimmer keinen Tee zu verschütten. Oma sitzt in ihrem POÄNG-Stuhl, hat die Beine hochgelegt und strickt Socken in Größe 38/39. Ich stelle die Tassen auf dem runden Holztisch ab und setze mich auf das Sofa neben sie.
„Ach, Danke“.
Sie legt die Stricknadeln in ihren Schoß und beugt sich nach vorn, um mit dem Silberlöffel drei Stück Kandiszucker im Tee zu versenken und schließlich einen vorsichtigen Schluck aus der Porzellantasse zu nehmen. Ich lächele.
„Trägst du die Mütze, die ich dir letztes Jahr gestrickt habe? Und den Schal auch?“
„Ja“, lüge ich.
Ich trage die Mütze manchmal, aber den Schal nie, er ist zu kurz und kratzt ein bisschen.
„Ich habe den Schal extra nicht so lang gestrickt, das ist zu gefährlich. Man kann sich damit strangulieren“. Sie nickt um sich selbst zuzustimmen.
„Hm.“ Ich hebe das Wollknäuel auf, das von ihrem Schoß auf den Boden gefallen ist.
„Gefällt dir denn dein Studium?“
„Ja, sehr“. Diesmal bin ich ehrlich. „Ich lerne viel neues und wir lesen oft so spannende Texte.“
„Schön, das ist gut. Lesen bildet einen Menschen sehr, und wer lesen kann, der kann meist auch gut schreiben.“
„Ich finde es schön, dass wir uns ab und zu Briefe schreiben, Oma.“
Sie lächelt.

„Ja, das finde ich auch.“

Mein Blick wandert zu dem kleinen Sekretär, der in der Ecke neben Fenster und Bücherregal steht. Ich stelle mir vor, wie sie auf dem Stuhl Platz nimmt, ein kleiner Stapel Briefumschläge liegt geöffnet vor ihr.
„Ich bekomme ja so gerne Post. Und ich antworte gern. Das ist eine schöne Beschäftigung, weißt du.“
Ich nicke, beobachte aber weiterhin die Frau, die sich in meinen Gedanken gegenüber von uns ihren Briefen widmet. Sie rückt ihre Brille zurecht und schiebt den Kopf etwas nach vorn um die Handschrift auf einer Postkarte zu entziffern.
„Siehst du manchmal noch deine Schulfreundinnen?“
„Ja, so oft es geht. Seit wir nicht mehr in einer Stadt wohnen ist es nicht so einfach, aber zum Glück gibt es ja das Telefon.“
„Ja, ja, früher war das nicht so einfach. Da hat man oft wochenlang nichts voneinander gehört.“
Die Frau am Sekretär schüttelt den Kopf und zückt einen Kugelschreiber.
„Oma, wie riecht zuhause für dich? Ich bin letztens eine Straße entlang gelaufen und plötzlich stieg mir so ein Geruch in die Nase. Der war so bekannt und so besonders, dass ich stehen bleiben musste. Es roch beinahe haargenau wie bei dir hier in der Wohnung.“
„Zuhause, wie es da riecht. Ja, mal erinnert einen ein Geruch an zuhause – Schnittlauch oder Sauerkraut, oder Fencheltee oder Zwiebel. Aber zuhause ist ja für mich schon lange hier in unserer Familie. Schlesien liegt sehr weit zurück. Sechsundsechzig Jahre, nicht zu glauben, gell?“

„Das kann ich mir kaum vorstellen, so eine lange Zeit.“

Unser Gespräch geht in ein angenehmes, gemeinsames Schweigen über. Ich atme tief ein und überlege, ob ich mir diesen Geruch auch sechsundsechzig Jahre lang merken können werde. Dann stehe ich auf, gehe die vier Schritte zum Sekretär hinüber und stelle mich neben die Frau, die mit viel Muße ihre Post beantwortet. Sie ist ganz versunken in das Schreiben, vielleicht so versunken wie ich in die Vorstellung von ihr. Als sie fertig ist faltet sie sorgfältig das Papier zusammen und steckt es in einen Briefumschlag. Dann dreht sie sich nach links und zieht einen Ordner aus dem Bücherregal. Sie sucht eine Weile und entscheidet sich schließlich für eine illustrierte Karte, auf der eine Maus einen Stapel Bücher hinaufklettert, um den Käse auf dem Tisch zu erreichen. Darüber steht ein Zitat von Johann Wolfgang von Goethe: Wenn man alle Gesetze studieren sollte, hätte man gar keine Zeit, sie zu übertreten.
Sie schiebt die Karte in den Umschlag, klebt ihn zu und greift nach dem Stempel mit ihrer Anschrift. Sie adressiert und frankiert den Brief und blickt sich plötzlich suchend um.
„Dein Tee wird kalt“, sagt die Frau, die hinter uns an der Ferse einer Wollsocke strickt, ohne aufzublicken.
„Ich bin gleich da“, antworte ich, während ich einen kleinen Bogen mit Herzchenaufklebern zwischen ein paar Notizbüchern und einem Briefbeschwerer hervorziehe. Erleichtert nimmt die Frau neben mir den Bogen aus meiner Hand, wählt ein mittelgroßes, rotes Herz aus und klebt es neben die Adresse auf den Briefumschlag.
„Gut“, sagt sie leise, „so ist es gut“.

anderswo

Letztens, im Sommer,
waren wir anderswo.
In freundschaftlicher Zweisamkeit,
die war lang ersehnt.

Wir wussten wenig über diesen Ort.
Manchmal tut es gut nicht viel zu wissen,
sich nur treiben zu lassen
und überrascht zu sein.

Auch laufen tut gut, einfach gehen.
Wenn einen Schritt vor den anderen zu setzen das einzige ist,
was man sich wirklich vorgenommen hat.
Nur gehen und reden und schweigen,
während nicht die Landschaft an uns vorbeizieht,
sondern wir langsam in sie hineinwandern.

Anderswo wuchsen Sonnenblumen am Wegrand
und Äpfel so sauer, dass sich uns alles zusammenzog.
Es ist schön Gast zu sein, denke ich,
sogar im Königreich der Schafe und Ameisen.

Wie waren wir laut und müde,
und gleichzeitig mutig und stolz.
Bilder ohne Fotos:
Ein Kurort mit akkuraten Blumenbeeten,
ein rosa-gekacheltes Badezimmer,
das schiefe Ölbild über dem Plasmafernseher.
Vom Weg abkommen
Und trotzdem ans Ziel.

Anderswo, im Sommer,
wurden unsere Beine so schwer
und unsere Herzen
viel leichter.

我会

Ich kann

sehen, hören, fühlen, schmecken, riechen.
Worte finden für Unbeschreibliches,
zu lange reden,
und zu schnell.

Zuhören,
erzählen,
in den kleinen Nebensächlichkeiten versinken
und dabei die Hauptsächlichkeiten vergessen.

Ich kann mich erinnern und
andere erinnern,
zerspringen,
trauern,
aufstehen,
weitermachen.

Mich orientieren,
mich verlieren
und manchmal auch den Überblick,
mich gleichzeitig lieben und verachten
an einem einzigen Tag.

Ich kann schreiben,
kochen,
Schönheit sehen
und ab und zu Kunst,
zu ehrlich sein,
zu hart sein,
und dann wieder weich,
bis ich zerfließe wie warme Butter.

Ich kann mich organisieren,
andere beschenken,
die Welt verändern
und unter ihr zusammenbrechen,
mich versichern
und verunsichern,
für mich sorgen,
auf mich aufpassen.

Ich kann das alles.
Und doch, am Ende des Tages,
wenn ich ehrlich bin,
bin ich ratlos,
wie ich all das können soll
ohne Dich.

allein reisen

Ich packe meinen Koffer und nehme mit
Eine Kombination aus Hemd und Bügelfaltenhose
(für die Arbeit: Ein Outfit, in dem ich sicher kompetent aussehe)
Eine Jeans und Sneaker
(für die Freizeit: Bequeme Sachen, in denen ich gut laufen und erkunden kann)
Zwei Kameras, mehrere Pullover, Reiselektüre
(Persepolis von Marjane Satrapi, weil ich gern eine starke Gefährtin bei mir habe)
Nervosität, Aufregung, Vorfreude
Nur Handgepäck.

Ich bewege meinen Koffer durch den schmalen Gang im Flugzeug
Reihe 6, Platz C, zufällig ein Sitz am Gang
(zum Glück am Gang, denke ich, und tausche mitfühlende Blicke mit der Frau, die sich eine Reihe hinter mir zwischen zwei Herren sehr schmal zu machen versucht).

Ich hebe meinen Koffer aus dem Overheadcompartment
(mein persönliches Wort des Jahres – danke, A)
und helfe einem Passagier, seine Tasche ebenfalls herauszuziehen
(er bedankt sich mit einem Wow, Sie sind ja stark!)
Ich lächele nett
(das mache ich sehr oft gegenüber Unbekannten,
egal ob mir danach zumute ist oder nicht).

Ich ziehe meinen Koffer durch die Eingangshalle des Flughafens
(dabei ignoriere ich die klebrigen Blicke und das Niiiiice! eines Passanten)
Vielleicht war mein Koffer gemeint,
mein Koffer ist schon sehr nice für einen Koffer.
Vermutlich nicht.

Ich dachte, ich reise nicht gern allein. Auf der Suche nach einem neuen Urlaubsziel war es meist selbstverständlich für mich, gemeinsame Reisepläne mit jemandem zu machen. Der Gedanke ans Alleinsein an einem unbekannten Ort ist wahnsinnig reizvoll und beängstigend zugleich. Ich bewundere Freunde und Bekannte, die von Abenteuern des Alleinreisens berichten, von zwei Monaten mit dem Rucksack durch Südostasien oder ein paar Tagen allein in Buenos Aires.
Ich fange klein an. Ich mache aus einer Dienstreise eine „noch ein paar Tage länger allein bleiben“-Reise. Trotzdem sorgen sich meine Eltern und daher sorge ich mich auch ein bisschen. Aber die Sorge geht schnell auf in den kleinen Glücklichkeiten des Alleinreisens.

Allein Pläne schmieden
und sie spontan wieder umwerfen.
Allein sehen, hören, riechen
und nicht sofort alles in Worte fassen müssen.
Allein im Restaurant essen
und dem Kellner selbstbewusst sagen, dass man auf niemanden wartet.
Allein durch die Stadt streifen, sich etwas verlaufen
und den Weg wiederfinden.
Allein stehenbleiben
und Fotos machen so lange man will
(nur, wenn man Fotos von sich selbst machen will, muss entweder ein Selfie her, man muss jemanden um Hilfe bitten, oder ein artistisch-angehauchtes Bild von der eigenen Spiegelung im Schaufenster machen).

Ich lerne mit jeder Stunde dazu,
dass ich egoistisch sein darf,
keine Rücksicht nehmen muss,
dass ich mutig und fähig bin.

Am Ende des Tages sind wir allein mit uns selbst
(und manchmal vielleicht einer Tüte Chips im Bett).
Deswegen ist es gut, wenn man sich auf das Selbst verlassen kann. Wenn man weiß, dass man überleben kann, im Großstadt-Touri-Dschungel oder in der menschenfernen Wildnis.

Ich trage meinen Koffer die Stufen hoch
(Wow, I’m strong!)
zu meiner Wohnung, in meiner Stadt.
Erschöpft, stolz, voller Eindrücke
und alles nur mit Handgepäck.

(Toronto 2017)

Leitkultur

Es gibt viele Orte in Deutschland, die ich noch nie gesehen habe.
Gewissermaßen fühle ich mich manchmal „fremd im eigenen Land“ und kulturschockiert, meistens sobald ich Berlin verlasse und je weiter ich in Richtung Süddeutschland vordringe. Ich finde das schön, das sich fremd fühlen. Es hält mir den Spiegel vor, in dem ich mich in meinem Mantel aus Selbstzufriedenheit betrachten kann. Besonders arrogant und besonders eingekuschelt in diesen Mantel bin ich in der Regel dann, wenn ich Berlin länger nicht verlassen habe.

Ich sitze an einem Fensterplatz in der Regionalbahn von Tübingen nach Stuttgart, starre müde aus dem Fenster und nehme im Augenwinkel das Sammelsurium aus Mitfahrenden wahr, die nach und nach in das Abteil zusteigen. Ich erkenne zunächst vier optische Kernelemente.
Erstens: Tracht. Zweitens: Zöpfe. Drittens: Karomuster. Viertens: Bierflaschen. Erstens löst in mir Unverständnis und, ja, städtische Arroganz aus (in der Stadt tragen wir schließlich keine Trachten, außerdem hat die AfD Trachten für ihren Wahlkampf instrumentalisiert). Mit Zweitens habe ich eigentlich kein Problem, Zöpfe können sehr schön sein, drängen sich mir in diesem Moment jedoch in ihrer überproportional blonden Präsenz auf, als würden sie meinem dunkelbraunen, kurzen Haar zuschreien „warum bist du so kurz und nicht geflochten?“. Drittens assoziiere ich mit Picknickdecken und Ingenieuren – ich mag Picknick und über Ingenieure lässt sich selbstverständlich keine generalisierende Aussage treffen. Viertens kenne ich, Bierflaschen im ÖPNV. Nachdem ich einer Freundin per Kurznachricht ein kurzes Update über meine derzeitige Aufenthaltssituation schicke, erfahre ich, dass meine Mitreisenden aller Wahrscheinlichkeit nach die Stuttgarter Wasen besuchen wollen, offenbar sowas wie die Wiesn, nur eben in Stuttgart.

Während ich die ersten verbalen Kernelemente identifiziere (es geht viel um Vodka-Bull und meine Ohren sind akustisch irritiert von der Häufung an sch-Lauten), denke ich über deutsche Leitkultur nach. Dem Freizeit-Identitätsphilosophen Thomas de Maizière folgend, sind Volksfeste wie die Wasen (oder heißt es Waschen?) Teil der deutschen Leitkultur. Wenn sich Frauen in Trachten für deren Besuch ein ordentliches Dekolletee zusammenschnüren, ist das deutsche Leitkultur.

Ich bin derweil Hin- und Hergerissen zwischen Verachtung (da ist sie wieder, die Berlin-Arroganz) und Verwunderung über Aufmachung und Verhalten der Reisegruppe. Und ich fühle mich wohlig-fremd, so inmitten von blonden, weißen, bezopften Menschen in Trachten, die eine Sprache sprechen, welche ich manchmal nicht ganz verstehe.
Ich verstehe auch nicht, wieso dieses Land etwas national-verbindliches suchen sollte, ab von dem geltenden Grundgesetz. Warum dieses Land Angst vor der sogenannten Fremde hat, und Angst davor, sich im kuscheligen Mantel der Selbstzufriedenheit zu betrachten. Fremde nimmt uns nichts weg, sie ist keine Diebin. Fremde zwingt auch nicht zu Veränderung, sie bietet nur die Möglichkeit für mehr an.

„Die Leit­kul­tur prägt und soll prä­gen. Sie kann und soll ver­mit­telt wer­den. Leit­kul­tur kann und soll vor allem vor­ge­lebt wer­den. Wer sich sei­ner Leit­kul­tur si­cher ist, ist stark. Stär­ke und in­ne­re Si­cher­heit der ei­ge­nen Kul­tur führt zu To­le­ranz ge­gen­über an­de­ren.“

Ich überlege, ob ich von irgendeiner vermeintlich deutschen Leitkultur geprägt bin. Ich denke nicht. Wahrscheinlich bin ich geprägt von den Personen, mit denen ich mich umgebe, von Ritualen und Routinen, denen ich folge und den Orten, an denen ich mich aufhalte. Ich weiß, dass ich außerdem von menschlichen Grundwerten und -gesetzen des Zusammenlebens geprägt bin und das finde ich gut. Ich fühle mich sogar stark, weil ich von eben diesen Werten geprägt bin, und ich folgere für mich, dass ich demnach keine zusätzliche Leitkultur brauche, die mich noch stärker macht. Mit Menschen, mit denen ich diese Grundwerte teile, fühle ich mich sogar ein bisschen verbunden, völlig egal welche Volksfeste sie feiern, welche Sprache sie sprechen und welche Kleidungsstücke sie tragen wollen.
Ich überlege außerdem, ob ich weniger tolerant bin, weil ich mir keiner eigenen Kultur sicher bin. Schließlich heißt es immer (und unterschiedlich konnotiert), ich sei „zwischen den Kulturen“ aufgewachsen. Aber ich bin mir des Zwischendrins sicher, ich kenne den Zwischenraum mit seinen Unvorhersehbarkeiten und Überraschungen. Der Zwischenraum hat keine Nationalität. Sowieso frage ich mich als weniger prominente Freizeit-Identitätsphilosophin: Braucht Kultur eine Nationalität? Mein Magen antwortet, dass gutes Essen das einzige ist, was Kultur wirklich braucht.

Die Regionalbahn ist mittlerweile in Stuttgart-Cannstadt angekommen und 98% meiner Mitreisenden verlassen gut gelaunt den Zug. Ich gönne ihnen die gute Laune und mir das Gefühl, dass ich dann ja doch noch sehr tolerant gegenüber dieser fremden regionalen kulturellen Ausprägung gewesen bin. Ich bleibe fast allein im Großraum-Abteil zurück. Mit mir fahren nur noch eine ältere Frau, die das zurückgelassene Leergut einsammelt, und ein junges Mädchen mit einem überdimensionierten Rollkoffer bis zum Hauptbahnhof. Sobald ich in den ICE nach Berlin steige, scheint der Kulturschock-Moment in der Regionalbahn weit weg. Ich fühle mich nicht mehr fremd, sondern gehe in der Masse unter. Und als es mich fröstelt, verkrieche ich mich tiefer in meinem Mantel aus Selbstzufriedenheit, in dem ich nirgendwo dazugehören muss und ganz hypothetisch überlegen darf, wie ich wohl in einem Dirndl aussehen würde.

Septemberlicht

Septemberlicht ist irgendwie besonders schön.
Im Septemberlicht sieht alles fast golden aus, auch wenn es eigentlich grau oder braun ist. Im Septemberlicht sieht eigentlich auch mein Hinterhof ganz schön aus, trotz der überquellenden Mülltonnen und gerade wegen der ersten Kastanien, die vom Baum gefallen sind.

Manchmal hat man absurde Gedanken, wenn man sich traut, sich zu langweilen: Vielleicht ist die Bundestagswahl im September, weil da das Licht alles so schön in luftiges Gold eintunkt, egal wie grau oder braun es ist.
Das Licht ist das A und O, auch bei der AfD, ach wie schön doch plötzlich die Perlenkette am Hals dieser Alice aussieht, sehr hübsch, ja. Und wie herzlich Frauke auf dem Plakat vor meiner Neuköllner Haustür ein neugeborenes Baby im Arm hält und behautet, das arme Ding sei ihr Grund, für Deutschland zu kämpfen.

Deutschland im Septemberlicht. Golden. Schwarz-Rot-Golden.

In Gedanken blättere ich durch die Nachrichten der letzten Wochen, sowieso wurde viel gekämpft: Vierkampf, Kanzlerduell, Portraits der 70 potentiellen Bundestagsabgeordneten der AfD, sowieso sehr viel Alice mit der Perlenkette, eine leicht verzweifelte Ankündigung es sei Zeit für mehr Gerechtigkeit, ein sehr monotones #fedidwgugl, ein sehr monochromer Christian L.

Deutschland im Septemberlicht. Golden. Schwarz-Rot-Golden.

Mir scheint die Sonne sanft und ein bisschen schüchtern auf mein rechtes Schulterblatt während ich meinen Milchkaffee aus einer dünnen Porzellanschale schlürfe und mich traue, mich zu langweilen. Es ist Freitagmittag, alles döst im Septemberlicht und man könnte kurz sehr gut vergessen, dass unsere Welt am Montag eine ganz andere sein wird. Das letzte Mal, das mein Weltschmerz so groß war, war am 11. September 2001 als ich elf Jahre alt war und die Twin Towers in New York in sich zusammenfielen. Damals schrieb ich aus Entsetzen einen Brief, adressiert an das Universum, in dem ich fragte warum Menschen solche Dinge tun und warum es so viel Leid geben muss. Um eine breite Öffentlichkeit zu erreichen, klebte ich den Brief an meine Kinderzimmertür. Ich weiß nicht, ob der September damals auch golden war, wahrscheinlich nicht.

Wie sieht eigentlich dieses Deutschland aus, in dem ich gut und gerne leben will? Ich habe schon gewählt, grün, weil Deutschland gern ein bisschen grüner sein dürfte, mehr Frühlings- und weniger Oktoberfest. Ich hätte auch diese Hip-Hop-Partei wählen können, oder die Linke, oder die Partei – auch das hätte mir der Wahl-O-Mat erlaubt. Dann aber doch grün, weil strategisch sinnvoll. Vielleicht, vielleicht nicht. Ich lebe seit 27 Jahren in diesem Land und habe noch nie eine Partei gewählt, weil ich mich für sie entschieden habe. Ich habe mich immer nur gegen alle anderen entschieden.

Bin ich also
Wutbürgerin?
Politikverdrossene?
Protestwählerin?
Teil dieser Generation Y, Y, why does it always rain on me?

Zum Glück regnet es heute nicht, heute scheint die Sonne und macht alles zu Gold.
Egal wie grau oder braun oder blau.
Aber bald ist Herbst und winter is coming.