Septemberlicht

Septemberlicht ist irgendwie besonders schön.
Im Septemberlicht sieht alles fast golden aus, auch wenn es eigentlich grau oder braun ist. Im Septemberlicht sieht eigentlich auch mein Hinterhof ganz schön aus, trotz der überquellenden Mülltonnen und gerade wegen der ersten Kastanien, die vom Baum gefallen sind.

Manchmal hat man absurde Gedanken, wenn man sich traut, sich zu langweilen: Vielleicht ist die Bundestagswahl im September, weil da das Licht alles so schön in luftiges Gold eintunkt, egal wie grau oder braun es ist.
Das Licht ist das A und O, auch bei der AfD, ach wie schön doch plötzlich die Perlenkette am Hals dieser Alice aussieht, sehr hübsch, ja. Und wie herzlich Frauke auf dem Plakat vor meiner Neuköllner Haustür ein neugeborenes Baby im Arm hält und behautet, das arme Ding sei ihr Grund, für Deutschland zu kämpfen.

Deutschland im Septemberlicht. Golden. Schwarz-Rot-Golden.

In Gedanken blättere ich durch die Nachrichten der letzten Wochen, sowieso wurde viel gekämpft: Vierkampf, Kanzlerduell, Portraits der 70 potentiellen Bundestagsabgeordneten der AfD, sowieso sehr viel Alice mit der Perlenkette, eine leicht verzweifelte Ankündigung es sei Zeit für mehr Gerechtigkeit, ein sehr monotones #fedidwgugl, ein sehr monochromer Christian L.

Deutschland im Septemberlicht. Golden. Schwarz-Rot-Golden.

Mir scheint die Sonne sanft und ein bisschen schüchtern auf mein rechtes Schulterblatt während ich meinen Milchkaffee aus einer dünnen Porzellanschale schlürfe und mich traue, mich zu langweilen. Es ist Freitagmittag, alles döst im Septemberlicht und man könnte kurz sehr gut vergessen, dass unsere Welt am Montag eine ganz andere sein wird. Das letzte Mal, das mein Weltschmerz so groß war, war am 11. September 2001 als ich elf Jahre alt war und die Twin Towers in New York in sich zusammenfielen. Damals schrieb ich aus Entsetzen einen Brief, adressiert an das Universum, in dem ich fragte warum Menschen solche Dinge tun und warum es so viel Leid geben muss. Um eine breite Öffentlichkeit zu erreichen, klebte ich den Brief an meine Kinderzimmertür. Ich weiß nicht, ob der September damals auch golden war, wahrscheinlich nicht.

Wie sieht eigentlich dieses Deutschland aus, in dem ich gut und gerne leben will? Ich habe schon gewählt, grün, weil Deutschland gern ein bisschen grüner sein dürfte, mehr Frühlings- und weniger Oktoberfest. Ich hätte auch diese Hip-Hop-Partei wählen können, oder die Linke, oder die Partei – auch das hätte mir der Wahl-O-Mat erlaubt. Dann aber doch grün, weil strategisch sinnvoll. Vielleicht, vielleicht nicht. Ich lebe seit 27 Jahren in diesem Land und habe noch nie eine Partei gewählt, weil ich mich für sie entschieden habe. Ich habe mich immer nur gegen alle anderen entschieden.

Bin ich also
Wutbürgerin?
Politikverdrossene?
Protestwählerin?
Teil dieser Generation Y, Y, why does it always rain on me?

Zum Glück regnet es heute nicht, heute scheint die Sonne und macht alles zu Gold.
Egal wie grau oder braun oder blau.
Aber bald ist Herbst und winter is coming.

 

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