我会

Ich kann

sehen, hören, fühlen, schmecken, riechen.
Worte finden für Unbeschreibliches,
zu lange reden,
und zu schnell.

Zuhören,
erzählen,
in den kleinen Nebensächlichkeiten versinken
und dabei die Hauptsächlichkeiten vergessen.

Ich kann mich erinnern und
andere erinnern,
zerspringen,
trauern,
aufstehen,
weitermachen.

Mich orientieren,
mich verlieren
und manchmal auch den Überblick,
mich gleichzeitig lieben und verachten
an einem einzigen Tag.

Ich kann schreiben,
kochen,
Schönheit sehen
und ab und zu Kunst,
zu ehrlich sein,
zu hart sein,
und dann wieder weich,
bis ich zerfließe wie warme Butter.

Ich kann mich organisieren,
andere beschenken,
die Welt verändern
und unter ihr zusammenbrechen,
mich versichern
und verunsichern,
für mich sorgen,
auf mich aufpassen.

Ich kann das alles.
Und doch, am Ende des Tages,
wenn ich ehrlich bin,
bin ich ratlos,
wie ich all das können soll
ohne Dich.

Leitkultur

Es gibt viele Orte in Deutschland, die ich noch nie gesehen habe.
Gewissermaßen fühle ich mich manchmal „fremd im eigenen Land“ und kulturschockiert, meistens sobald ich Berlin verlasse und je weiter ich in Richtung Süddeutschland vordringe. Ich finde das schön, das sich fremd fühlen. Es hält mir den Spiegel vor, in dem ich mich in meinem Mantel aus Selbstzufriedenheit betrachten kann. Besonders arrogant und besonders eingekuschelt in diesen Mantel bin ich in der Regel dann, wenn ich Berlin länger nicht verlassen habe.

Ich sitze an einem Fensterplatz in der Regionalbahn von Tübingen nach Stuttgart, starre müde aus dem Fenster und nehme im Augenwinkel das Sammelsurium aus Mitfahrenden wahr, die nach und nach in das Abteil zusteigen. Ich erkenne zunächst vier optische Kernelemente.
Erstens: Tracht. Zweitens: Zöpfe. Drittens: Karomuster. Viertens: Bierflaschen. Erstens löst in mir Unverständnis und, ja, städtische Arroganz aus (in der Stadt tragen wir schließlich keine Trachten, außerdem hat die AfD Trachten für ihren Wahlkampf instrumentalisiert). Mit Zweitens habe ich eigentlich kein Problem, Zöpfe können sehr schön sein, drängen sich mir in diesem Moment jedoch in ihrer überproportional blonden Präsenz auf, als würden sie meinem dunkelbraunen, kurzen Haar zuschreien „warum bist du so kurz und nicht geflochten?“. Drittens assoziiere ich mit Picknickdecken und Ingenieuren – ich mag Picknick und über Ingenieure lässt sich selbstverständlich keine generalisierende Aussage treffen. Viertens kenne ich, Bierflaschen im ÖPNV. Nachdem ich einer Freundin per Kurznachricht ein kurzes Update über meine derzeitige Aufenthaltssituation schicke, erfahre ich, dass meine Mitreisenden aller Wahrscheinlichkeit nach die Stuttgarter Wasen besuchen wollen, offenbar sowas wie die Wiesn, nur eben in Stuttgart.

Während ich die ersten verbalen Kernelemente identifiziere (es geht viel um Vodka-Bull und meine Ohren sind akustisch irritiert von der Häufung an sch-Lauten), denke ich über deutsche Leitkultur nach. Dem Freizeit-Identitätsphilosophen Thomas de Maizière folgend, sind Volksfeste wie die Wasen (oder heißt es Waschen?) Teil der deutschen Leitkultur. Wenn sich Frauen in Trachten für deren Besuch ein ordentliches Dekolletee zusammenschnüren, ist das deutsche Leitkultur.

Ich bin derweil Hin- und Hergerissen zwischen Verachtung (da ist sie wieder, die Berlin-Arroganz) und Verwunderung über Aufmachung und Verhalten der Reisegruppe. Und ich fühle mich wohlig-fremd, so inmitten von blonden, weißen, bezopften Menschen in Trachten, die eine Sprache sprechen, welche ich manchmal nicht ganz verstehe.
Ich verstehe auch nicht, wieso dieses Land etwas national-verbindliches suchen sollte, ab von dem geltenden Grundgesetz. Warum dieses Land Angst vor der sogenannten Fremde hat, und Angst davor, sich im kuscheligen Mantel der Selbstzufriedenheit zu betrachten. Fremde nimmt uns nichts weg, sie ist keine Diebin. Fremde zwingt auch nicht zu Veränderung, sie bietet nur die Möglichkeit für mehr an.

„Die Leit­kul­tur prägt und soll prä­gen. Sie kann und soll ver­mit­telt wer­den. Leit­kul­tur kann und soll vor allem vor­ge­lebt wer­den. Wer sich sei­ner Leit­kul­tur si­cher ist, ist stark. Stär­ke und in­ne­re Si­cher­heit der ei­ge­nen Kul­tur führt zu To­le­ranz ge­gen­über an­de­ren.“

Ich überlege, ob ich von irgendeiner vermeintlich deutschen Leitkultur geprägt bin. Ich denke nicht. Wahrscheinlich bin ich geprägt von den Personen, mit denen ich mich umgebe, von Ritualen und Routinen, denen ich folge und den Orten, an denen ich mich aufhalte. Ich weiß, dass ich außerdem von menschlichen Grundwerten und -gesetzen des Zusammenlebens geprägt bin und das finde ich gut. Ich fühle mich sogar stark, weil ich von eben diesen Werten geprägt bin, und ich folgere für mich, dass ich demnach keine zusätzliche Leitkultur brauche, die mich noch stärker macht. Mit Menschen, mit denen ich diese Grundwerte teile, fühle ich mich sogar ein bisschen verbunden, völlig egal welche Volksfeste sie feiern, welche Sprache sie sprechen und welche Kleidungsstücke sie tragen wollen.
Ich überlege außerdem, ob ich weniger tolerant bin, weil ich mir keiner eigenen Kultur sicher bin. Schließlich heißt es immer (und unterschiedlich konnotiert), ich sei „zwischen den Kulturen“ aufgewachsen. Aber ich bin mir des Zwischendrins sicher, ich kenne den Zwischenraum mit seinen Unvorhersehbarkeiten und Überraschungen. Der Zwischenraum hat keine Nationalität. Sowieso frage ich mich als weniger prominente Freizeit-Identitätsphilosophin: Braucht Kultur eine Nationalität? Mein Magen antwortet, dass gutes Essen das einzige ist, was Kultur wirklich braucht.

Die Regionalbahn ist mittlerweile in Stuttgart-Cannstadt angekommen und 98% meiner Mitreisenden verlassen gut gelaunt den Zug. Ich gönne ihnen die gute Laune und mir das Gefühl, dass ich dann ja doch noch sehr tolerant gegenüber dieser fremden regionalen kulturellen Ausprägung gewesen bin. Ich bleibe fast allein im Großraum-Abteil zurück. Mit mir fahren nur noch eine ältere Frau, die das zurückgelassene Leergut einsammelt, und ein junges Mädchen mit einem überdimensionierten Rollkoffer bis zum Hauptbahnhof. Sobald ich in den ICE nach Berlin steige, scheint der Kulturschock-Moment in der Regionalbahn weit weg. Ich fühle mich nicht mehr fremd, sondern gehe in der Masse unter. Und als es mich fröstelt, verkrieche ich mich tiefer in meinem Mantel aus Selbstzufriedenheit, in dem ich nirgendwo dazugehören muss und ganz hypothetisch überlegen darf, wie ich wohl in einem Dirndl aussehen würde.