anderswo

Letztens, im Sommer,
waren wir anderswo.
In freundschaftlicher Zweisamkeit,
die war lang ersehnt.

Wir wussten wenig über diesen Ort.
Manchmal tut es gut nicht viel zu wissen,
sich nur treiben zu lassen
und überrascht zu sein.

Auch laufen tut gut, einfach gehen.
Wenn einen Schritt vor den anderen zu setzen das einzige ist,
was man sich wirklich vorgenommen hat.
Nur gehen und reden und schweigen,
während nicht die Landschaft an uns vorbeizieht,
sondern wir langsam in sie hineinwandern.

Anderswo wuchsen Sonnenblumen am Wegrand
und Äpfel so sauer, dass sich uns alles zusammenzog.
Es ist schön Gast zu sein, denke ich,
sogar im Königreich der Schafe und Ameisen.

Wie waren wir laut und müde,
und gleichzeitig mutig und stolz.
Bilder ohne Fotos:
Ein Kurort mit akkuraten Blumenbeeten,
ein rosa-gekacheltes Badezimmer,
das schiefe Ölbild über dem Plasmafernseher.
Vom Weg abkommen
Und trotzdem ans Ziel.

Anderswo, im Sommer,
wurden unsere Beine so schwer
und unsere Herzen
viel leichter.

Leitkultur

Es gibt viele Orte in Deutschland, die ich noch nie gesehen habe.
Gewissermaßen fühle ich mich manchmal „fremd im eigenen Land“ und kulturschockiert, meistens sobald ich Berlin verlasse und je weiter ich in Richtung Süddeutschland vordringe. Ich finde das schön, das sich fremd fühlen. Es hält mir den Spiegel vor, in dem ich mich in meinem Mantel aus Selbstzufriedenheit betrachten kann. Besonders arrogant und besonders eingekuschelt in diesen Mantel bin ich in der Regel dann, wenn ich Berlin länger nicht verlassen habe.

Ich sitze an einem Fensterplatz in der Regionalbahn von Tübingen nach Stuttgart, starre müde aus dem Fenster und nehme im Augenwinkel das Sammelsurium aus Mitfahrenden wahr, die nach und nach in das Abteil zusteigen. Ich erkenne zunächst vier optische Kernelemente.
Erstens: Tracht. Zweitens: Zöpfe. Drittens: Karomuster. Viertens: Bierflaschen. Erstens löst in mir Unverständnis und, ja, städtische Arroganz aus (in der Stadt tragen wir schließlich keine Trachten, außerdem hat die AfD Trachten für ihren Wahlkampf instrumentalisiert). Mit Zweitens habe ich eigentlich kein Problem, Zöpfe können sehr schön sein, drängen sich mir in diesem Moment jedoch in ihrer überproportional blonden Präsenz auf, als würden sie meinem dunkelbraunen, kurzen Haar zuschreien „warum bist du so kurz und nicht geflochten?“. Drittens assoziiere ich mit Picknickdecken und Ingenieuren – ich mag Picknick und über Ingenieure lässt sich selbstverständlich keine generalisierende Aussage treffen. Viertens kenne ich, Bierflaschen im ÖPNV. Nachdem ich einer Freundin per Kurznachricht ein kurzes Update über meine derzeitige Aufenthaltssituation schicke, erfahre ich, dass meine Mitreisenden aller Wahrscheinlichkeit nach die Stuttgarter Wasen besuchen wollen, offenbar sowas wie die Wiesn, nur eben in Stuttgart.

Während ich die ersten verbalen Kernelemente identifiziere (es geht viel um Vodka-Bull und meine Ohren sind akustisch irritiert von der Häufung an sch-Lauten), denke ich über deutsche Leitkultur nach. Dem Freizeit-Identitätsphilosophen Thomas de Maizière folgend, sind Volksfeste wie die Wasen (oder heißt es Waschen?) Teil der deutschen Leitkultur. Wenn sich Frauen in Trachten für deren Besuch ein ordentliches Dekolletee zusammenschnüren, ist das deutsche Leitkultur.

Ich bin derweil Hin- und Hergerissen zwischen Verachtung (da ist sie wieder, die Berlin-Arroganz) und Verwunderung über Aufmachung und Verhalten der Reisegruppe. Und ich fühle mich wohlig-fremd, so inmitten von blonden, weißen, bezopften Menschen in Trachten, die eine Sprache sprechen, welche ich manchmal nicht ganz verstehe.
Ich verstehe auch nicht, wieso dieses Land etwas national-verbindliches suchen sollte, ab von dem geltenden Grundgesetz. Warum dieses Land Angst vor der sogenannten Fremde hat, und Angst davor, sich im kuscheligen Mantel der Selbstzufriedenheit zu betrachten. Fremde nimmt uns nichts weg, sie ist keine Diebin. Fremde zwingt auch nicht zu Veränderung, sie bietet nur die Möglichkeit für mehr an.

„Die Leit­kul­tur prägt und soll prä­gen. Sie kann und soll ver­mit­telt wer­den. Leit­kul­tur kann und soll vor allem vor­ge­lebt wer­den. Wer sich sei­ner Leit­kul­tur si­cher ist, ist stark. Stär­ke und in­ne­re Si­cher­heit der ei­ge­nen Kul­tur führt zu To­le­ranz ge­gen­über an­de­ren.“

Ich überlege, ob ich von irgendeiner vermeintlich deutschen Leitkultur geprägt bin. Ich denke nicht. Wahrscheinlich bin ich geprägt von den Personen, mit denen ich mich umgebe, von Ritualen und Routinen, denen ich folge und den Orten, an denen ich mich aufhalte. Ich weiß, dass ich außerdem von menschlichen Grundwerten und -gesetzen des Zusammenlebens geprägt bin und das finde ich gut. Ich fühle mich sogar stark, weil ich von eben diesen Werten geprägt bin, und ich folgere für mich, dass ich demnach keine zusätzliche Leitkultur brauche, die mich noch stärker macht. Mit Menschen, mit denen ich diese Grundwerte teile, fühle ich mich sogar ein bisschen verbunden, völlig egal welche Volksfeste sie feiern, welche Sprache sie sprechen und welche Kleidungsstücke sie tragen wollen.
Ich überlege außerdem, ob ich weniger tolerant bin, weil ich mir keiner eigenen Kultur sicher bin. Schließlich heißt es immer (und unterschiedlich konnotiert), ich sei „zwischen den Kulturen“ aufgewachsen. Aber ich bin mir des Zwischendrins sicher, ich kenne den Zwischenraum mit seinen Unvorhersehbarkeiten und Überraschungen. Der Zwischenraum hat keine Nationalität. Sowieso frage ich mich als weniger prominente Freizeit-Identitätsphilosophin: Braucht Kultur eine Nationalität? Mein Magen antwortet, dass gutes Essen das einzige ist, was Kultur wirklich braucht.

Die Regionalbahn ist mittlerweile in Stuttgart-Cannstadt angekommen und 98% meiner Mitreisenden verlassen gut gelaunt den Zug. Ich gönne ihnen die gute Laune und mir das Gefühl, dass ich dann ja doch noch sehr tolerant gegenüber dieser fremden regionalen kulturellen Ausprägung gewesen bin. Ich bleibe fast allein im Großraum-Abteil zurück. Mit mir fahren nur noch eine ältere Frau, die das zurückgelassene Leergut einsammelt, und ein junges Mädchen mit einem überdimensionierten Rollkoffer bis zum Hauptbahnhof. Sobald ich in den ICE nach Berlin steige, scheint der Kulturschock-Moment in der Regionalbahn weit weg. Ich fühle mich nicht mehr fremd, sondern gehe in der Masse unter. Und als es mich fröstelt, verkrieche ich mich tiefer in meinem Mantel aus Selbstzufriedenheit, in dem ich nirgendwo dazugehören muss und ganz hypothetisch überlegen darf, wie ich wohl in einem Dirndl aussehen würde.

Septemberlicht

Septemberlicht ist irgendwie besonders schön.
Im Septemberlicht sieht alles fast golden aus, auch wenn es eigentlich grau oder braun ist. Im Septemberlicht sieht eigentlich auch mein Hinterhof ganz schön aus, trotz der überquellenden Mülltonnen und gerade wegen der ersten Kastanien, die vom Baum gefallen sind.

Manchmal hat man absurde Gedanken, wenn man sich traut, sich zu langweilen: Vielleicht ist die Bundestagswahl im September, weil da das Licht alles so schön in luftiges Gold eintunkt, egal wie grau oder braun es ist.
Das Licht ist das A und O, auch bei der AfD, ach wie schön doch plötzlich die Perlenkette am Hals dieser Alice aussieht, sehr hübsch, ja. Und wie herzlich Frauke auf dem Plakat vor meiner Neuköllner Haustür ein neugeborenes Baby im Arm hält und behautet, das arme Ding sei ihr Grund, für Deutschland zu kämpfen.

Deutschland im Septemberlicht. Golden. Schwarz-Rot-Golden.

In Gedanken blättere ich durch die Nachrichten der letzten Wochen, sowieso wurde viel gekämpft: Vierkampf, Kanzlerduell, Portraits der 70 potentiellen Bundestagsabgeordneten der AfD, sowieso sehr viel Alice mit der Perlenkette, eine leicht verzweifelte Ankündigung es sei Zeit für mehr Gerechtigkeit, ein sehr monotones #fedidwgugl, ein sehr monochromer Christian L.

Deutschland im Septemberlicht. Golden. Schwarz-Rot-Golden.

Mir scheint die Sonne sanft und ein bisschen schüchtern auf mein rechtes Schulterblatt während ich meinen Milchkaffee aus einer dünnen Porzellanschale schlürfe und mich traue, mich zu langweilen. Es ist Freitagmittag, alles döst im Septemberlicht und man könnte kurz sehr gut vergessen, dass unsere Welt am Montag eine ganz andere sein wird. Das letzte Mal, das mein Weltschmerz so groß war, war am 11. September 2001 als ich elf Jahre alt war und die Twin Towers in New York in sich zusammenfielen. Damals schrieb ich aus Entsetzen einen Brief, adressiert an das Universum, in dem ich fragte warum Menschen solche Dinge tun und warum es so viel Leid geben muss. Um eine breite Öffentlichkeit zu erreichen, klebte ich den Brief an meine Kinderzimmertür. Ich weiß nicht, ob der September damals auch golden war, wahrscheinlich nicht.

Wie sieht eigentlich dieses Deutschland aus, in dem ich gut und gerne leben will? Ich habe schon gewählt, grün, weil Deutschland gern ein bisschen grüner sein dürfte, mehr Frühlings- und weniger Oktoberfest. Ich hätte auch diese Hip-Hop-Partei wählen können, oder die Linke, oder die Partei – auch das hätte mir der Wahl-O-Mat erlaubt. Dann aber doch grün, weil strategisch sinnvoll. Vielleicht, vielleicht nicht. Ich lebe seit 27 Jahren in diesem Land und habe noch nie eine Partei gewählt, weil ich mich für sie entschieden habe. Ich habe mich immer nur gegen alle anderen entschieden.

Bin ich also
Wutbürgerin?
Politikverdrossene?
Protestwählerin?
Teil dieser Generation Y, Y, why does it always rain on me?

Zum Glück regnet es heute nicht, heute scheint die Sonne und macht alles zu Gold.
Egal wie grau oder braun oder blau.
Aber bald ist Herbst und winter is coming.