anderswo

Letztens, im Sommer,
waren wir anderswo.
In freundschaftlicher Zweisamkeit,
die war lang ersehnt.

Wir wussten wenig über diesen Ort.
Manchmal tut es gut nicht viel zu wissen,
sich nur treiben zu lassen
und überrascht zu sein.

Auch laufen tut gut, einfach gehen.
Wenn einen Schritt vor den anderen zu setzen das einzige ist,
was man sich wirklich vorgenommen hat.
Nur gehen und reden und schweigen,
während nicht die Landschaft an uns vorbeizieht,
sondern wir langsam in sie hineinwandern.

Anderswo wuchsen Sonnenblumen am Wegrand
und Äpfel so sauer, dass sich uns alles zusammenzog.
Es ist schön Gast zu sein, denke ich,
sogar im Königreich der Schafe und Ameisen.

Wie waren wir laut und müde,
und gleichzeitig mutig und stolz.
Bilder ohne Fotos:
Ein Kurort mit akkuraten Blumenbeeten,
ein rosa-gekacheltes Badezimmer,
das schiefe Ölbild über dem Plasmafernseher.
Vom Weg abkommen
Und trotzdem ans Ziel.

Anderswo, im Sommer,
wurden unsere Beine so schwer
und unsere Herzen
viel leichter.

allein reisen

Ich packe meinen Koffer und nehme mit
Eine Kombination aus Hemd und Bügelfaltenhose
(für die Arbeit: Ein Outfit, in dem ich sicher kompetent aussehe)
Eine Jeans und Sneaker
(für die Freizeit: Bequeme Sachen, in denen ich gut laufen und erkunden kann)
Zwei Kameras, mehrere Pullover, Reiselektüre
(Persepolis von Marjane Satrapi, weil ich gern eine starke Gefährtin bei mir habe)
Nervosität, Aufregung, Vorfreude
Nur Handgepäck.

Ich bewege meinen Koffer durch den schmalen Gang im Flugzeug
Reihe 6, Platz C, zufällig ein Sitz am Gang
(zum Glück am Gang, denke ich, und tausche mitfühlende Blicke mit der Frau, die sich eine Reihe hinter mir zwischen zwei Herren sehr schmal zu machen versucht).

Ich hebe meinen Koffer aus dem Overheadcompartment
(mein persönliches Wort des Jahres – danke, A)
und helfe einem Passagier, seine Tasche ebenfalls herauszuziehen
(er bedankt sich mit einem Wow, Sie sind ja stark!)
Ich lächele nett
(das mache ich sehr oft gegenüber Unbekannten,
egal ob mir danach zumute ist oder nicht).

Ich ziehe meinen Koffer durch die Eingangshalle des Flughafens
(dabei ignoriere ich die klebrigen Blicke und das Niiiiice! eines Passanten)
Vielleicht war mein Koffer gemeint,
mein Koffer ist schon sehr nice für einen Koffer.
Vermutlich nicht.

Ich dachte, ich reise nicht gern allein. Auf der Suche nach einem neuen Urlaubsziel war es meist selbstverständlich für mich, gemeinsame Reisepläne mit jemandem zu machen. Der Gedanke ans Alleinsein an einem unbekannten Ort ist wahnsinnig reizvoll und beängstigend zugleich. Ich bewundere Freunde und Bekannte, die von Abenteuern des Alleinreisens berichten, von zwei Monaten mit dem Rucksack durch Südostasien oder ein paar Tagen allein in Buenos Aires.
Ich fange klein an. Ich mache aus einer Dienstreise eine „noch ein paar Tage länger allein bleiben“-Reise. Trotzdem sorgen sich meine Eltern und daher sorge ich mich auch ein bisschen. Aber die Sorge geht schnell auf in den kleinen Glücklichkeiten des Alleinreisens.

Allein Pläne schmieden
und sie spontan wieder umwerfen.
Allein sehen, hören, riechen
und nicht sofort alles in Worte fassen müssen.
Allein im Restaurant essen
und dem Kellner selbstbewusst sagen, dass man auf niemanden wartet.
Allein durch die Stadt streifen, sich etwas verlaufen
und den Weg wiederfinden.
Allein stehenbleiben
und Fotos machen so lange man will
(nur, wenn man Fotos von sich selbst machen will, muss entweder ein Selfie her, man muss jemanden um Hilfe bitten, oder ein artistisch-angehauchtes Bild von der eigenen Spiegelung im Schaufenster machen).

Ich lerne mit jeder Stunde dazu,
dass ich egoistisch sein darf,
keine Rücksicht nehmen muss,
dass ich mutig und fähig bin.

Am Ende des Tages sind wir allein mit uns selbst
(und manchmal vielleicht einer Tüte Chips im Bett).
Deswegen ist es gut, wenn man sich auf das Selbst verlassen kann. Wenn man weiß, dass man überleben kann, im Großstadt-Touri-Dschungel oder in der menschenfernen Wildnis.

Ich trage meinen Koffer die Stufen hoch
(Wow, I’m strong!)
zu meiner Wohnung, in meiner Stadt.
Erschöpft, stolz, voller Eindrücke
und alles nur mit Handgepäck.

(Toronto 2017)

Urlaub mit Eltern

Wenn man aus den mittleren in die späten Zwanziger kommt (und ja, in diesem Alter ist sie von Bedeutung, diese Verschiebung von 26 über 27 zu 28, in der deine Freunde anfangen schwanger zu werden oder schon Eltern zu sein oder davon zu reden, und man die Freitagabende guten Gewissens auch mal zuhause im Bett statt auf einer schwitzigen, klebrigen Tanzfläche verbringt), dann hat man häufig schon länger keinen richtigen Familienurlaub mehr gemacht.

Also Urlaub mit Eltern.

Meine Kindheitserinnerungen an diese Urlaube sind wundervoll. Sie sind warm und voller Abenteuer am Rand des türkisblauen Hotelpools auf Korfu. Zwischen dem Pool und den Zitronenbäumen am Rande der schmalen Altstadtgassen erstreckte sich eine ganze, magische Welt. Und die Zeit, sie verging so langsam (langsam, aber ohne Langeweile). Ein Tag dauerte eine Ewigkeit und bot Platz für unzählige Geschichten, die ich mir ausdenken, Personen, die ich sein konnte.

Meine Eltern sagen, ich bin immer ihr Kind, auch wenn ich erwachsen bin. Also warum nicht wieder die Kindheit fühlen, warum nicht neue Kindheitserinnerungen basteln, diesmal 2016 (egal, dass ich in meiner Übergangsphase zu den späten Zwanzigern bin, ich fühle mich jung, ich bin ja das Kind).

Realitätscheck:
Ich bin das Kind meiner Eltern (check),
ich bin trotzdem schon einigermaßen groß (check),
ich biete natürlich an, bei der Hotelsuche zu helfen (check),
ich kenne Airbnb besser als meine Eltern (check),
ich kümmere mich allein um die Buchung,
weil ich glaube, dass ich es besser kann (check).

Komisch aber.
War nicht mein Vater mal der schlauste Mensch der Welt? Derjenige, der sich um alles gekümmert hat und dann wurde es gut (inklusive mir).

Vieles ist heute anders. Früher habe ich stolz beim einatmen so viel Luft wie möglich in meinem Bauch gesammelt und mit Spaß beobachtet, wie sich mein bonbongelber Badeanzug mit neonfarbenen Schleifchen immer weiter ausdehnte und die bunten Punkte darauf größer und größer wurden. Heute überlege ich, ob ich meinen Bauch einziehen soll, während ich mich langsam am felsigen Strand ins Meer vortaste (und ich trage auch keinen bonbongelben Badeanzug mit neonfarbenen Schleifchen mehr, ich bin ein modischer Angsthase geworden der behauptet, er hätte „seinen eigenen Stil gefunden“). Früher musste ich im Urlaub keine Richtung kennen, eigentlich weder links noch rechts. Ich habe nicht aufgepasst, wohin wir fuhren während ich hinten am runtergekurbelten Autofenster saß und die lauwarme Luft mir meine Haare ins Gesicht wehte. Meine Eltern planten wohin es ging, mir war alles recht, Hauptsache Abenteuer und vielleicht Eis. Heute sitze ich vorn auf dem Beifahrersitz, präge mir den Weg vom Flughafen zur Unterkunft ein und versuche gleichzeitig die gedruckte Karte auf meinem Schoß zu lesen, das Navi einzurichten und mich nach Urlaub zu fühlen.

Unsere Rollen haben sich vertauscht (obwohl die Bezeichnungen Eltern und Kind die gleichen geblieben sind). Oder aus der ehemals einseitigen Sorge meiner Eltern um mich ist einfach eine gegenseitige Sorge geworden. Wenn man erwachsen ist, dann sorgt man sich. Und man muss Entscheidungen treffen (auch im Urlaub). Botanischer Garten, spazieren über den Wochenmarkt, dieses Restaurant statt das da, jetzt Pistazieneis, später vielleicht noch eine Weinschorle oder so.

Und die Entscheidung für Urlaub.
Mit Eltern.

(Sizilien 2016)