allein reisen

Ich packe meinen Koffer und nehme mit
Eine Kombination aus Hemd und Bügelfaltenhose
(für die Arbeit: Ein Outfit, in dem ich sicher kompetent aussehe)
Eine Jeans und Sneaker
(für die Freizeit: Bequeme Sachen, in denen ich gut laufen und erkunden kann)
Zwei Kameras, mehrere Pullover, Reiselektüre
(Persepolis von Marjane Satrapi, weil ich gern eine starke Gefährtin bei mir habe)
Nervosität, Aufregung, Vorfreude
Nur Handgepäck.

Ich bewege meinen Koffer durch den schmalen Gang im Flugzeug
Reihe 6, Platz C, zufällig ein Sitz am Gang
(zum Glück am Gang, denke ich, und tausche mitfühlende Blicke mit der Frau, die sich eine Reihe hinter mir zwischen zwei Herren sehr schmal zu machen versucht).

Ich hebe meinen Koffer aus dem Overheadcompartment
(mein persönliches Wort des Jahres – danke, A)
und helfe einem Passagier, seine Tasche ebenfalls herauszuziehen
(er bedankt sich mit einem Wow, Sie sind ja stark!)
Ich lächele nett
(das mache ich sehr oft gegenüber Unbekannten,
egal ob mir danach zumute ist oder nicht).

Ich ziehe meinen Koffer durch die Eingangshalle des Flughafens
(dabei ignoriere ich die klebrigen Blicke und das Niiiiice! eines Passanten)
Vielleicht war mein Koffer gemeint,
mein Koffer ist schon sehr nice für einen Koffer.
Vermutlich nicht.

Ich dachte, ich reise nicht gern allein. Auf der Suche nach einem neuen Urlaubsziel war es meist selbstverständlich für mich, gemeinsame Reisepläne mit jemandem zu machen. Der Gedanke ans Alleinsein an einem unbekannten Ort ist wahnsinnig reizvoll und beängstigend zugleich. Ich bewundere Freunde und Bekannte, die von Abenteuern des Alleinreisens berichten, von zwei Monaten mit dem Rucksack durch Südostasien oder ein paar Tagen allein in Buenos Aires.
Ich fange klein an. Ich mache aus einer Dienstreise eine „noch ein paar Tage länger allein bleiben“-Reise. Trotzdem sorgen sich meine Eltern und daher sorge ich mich auch ein bisschen. Aber die Sorge geht schnell auf in den kleinen Glücklichkeiten des Alleinreisens.

Allein Pläne schmieden
und sie spontan wieder umwerfen.
Allein sehen, hören, riechen
und nicht sofort alles in Worte fassen müssen.
Allein im Restaurant essen
und dem Kellner selbstbewusst sagen, dass man auf niemanden wartet.
Allein durch die Stadt streifen, sich etwas verlaufen
und den Weg wiederfinden.
Allein stehenbleiben
und Fotos machen so lange man will
(nur, wenn man Fotos von sich selbst machen will, muss entweder ein Selfie her, man muss jemanden um Hilfe bitten, oder ein artistisch-angehauchtes Bild von der eigenen Spiegelung im Schaufenster machen).

Ich lerne mit jeder Stunde dazu,
dass ich egoistisch sein darf,
keine Rücksicht nehmen muss,
dass ich mutig und fähig bin.

Am Ende des Tages sind wir allein mit uns selbst
(und manchmal vielleicht einer Tüte Chips im Bett).
Deswegen ist es gut, wenn man sich auf das Selbst verlassen kann. Wenn man weiß, dass man überleben kann, im Großstadt-Touri-Dschungel oder in der menschenfernen Wildnis.

Ich trage meinen Koffer die Stufen hoch
(Wow, I’m strong!)
zu meiner Wohnung, in meiner Stadt.
Erschöpft, stolz, voller Eindrücke
und alles nur mit Handgepäck.

(Toronto 2017)